Trekking nach Memurubu: Dauerregen im Jotunheimen-Gebirge [+ Fähre über den Gjende-See]

Am letzten Tag unseres Trekkings in Jotunheimen wanderten wir vom Tal Storådalen zur Berghütte Memurubu. Die Etappe war besonders herausfordernd, da wir sie aufgrund des sich ständig ändernden Wetters bei heftigem Dauerregen zurücklegen mussten. Willkommen zum letzten Beitrag über unser Juli-Abenteuer im Jotunheimen-Gebirge!

Inhaltsverzeichnis

Am Vortag herrschten in Jotunheimen noch hervorragende Bedingungen zum Wandern. Wir genossen einen wolkenlosen Himmel, traumhafte Aussichten und strahlenden Sonnenschein. Heute hat die Glücksspirale jedoch ein ganz anderes Ergebnis ausgespuckt. Schon am Morgen ist es nieselig, kalt und extrem neblig.

Die Bedingungen laden nicht gerade dazu ein, das Zelt zu verlassen, aber wir haben leider keinen großen Spielraum mehr. Unser Rückbus nach Oslo fährt bereits übermorgen von Gjendesheim ab. Wohl oder übel packen wir also die Zelte zusammen, schultern die Rucksäcke und ziehen weiter. Wir sind ja schließlich nicht aus Zucker! (Obwohl wir manchmal ganz süß sein können).

Wir starten am Talboden des Storådalen auf einer Höhe von ca. 1150 m ü.M. Die ersten Kilometer vergehen mit einem steilen Aufstieg. Der Weg selbst lässt keine Wünsche offen – es ist ein komfortabler Schotterpfad. In den tieferen Lagen des Tals ist das Gelände noch recht dicht mit Gras und kleinen Sträuchern bewachsen. Mit zunehmender Höhe verändert sich die Landschaft um uns herum. Allgegenwärtige Steine verdrängen das Gras, und eine mächtige Wolke versperrt uns fast vollständig die Sicht auf die umliegenden Gipfel.

Etwa 2,5 Kilometer nach dem Start erreichen wir eine Höhe von 1400 m ü.M. Der Ort, an dem wir uns gerade befinden, ist etwas eigenartig. Es ist ein weitläufiges Gebiet ohne jegliche markanten Gipfel. Ein welliges Plateau, das sich zwischen 1400 und 1600 m ü.M. erstreckt und steil zum Gjende-See abfällt. Es sieht fast so aus, als hätte die Natur das Fundament für weitere Gipfel gelegt, ihr aber im letzten Moment das Geld ausgegangen wäre.

Storådalen
Das Storådalen-Tal beim Aufstieg
Storådalen Wanderweg
Aufstieg aus dem Tal
Storådalen
Das ist unsere heutige Ästhetik. Verträumt, würde ich sagen.
Skyrim in der echten Welt
Mädels, wartet auf mich!

Vielleicht liegt es an der düsteren und feuchten Atmosphäre, aber diese Gegend scheint etwas Rätselhaftes an sich zu haben, als würde sie ein längst vergessenes Geheimnis hüten. Zudem erinnert mich genau dieser Abschnitt unseres Jotunheimen-Trekkings am meisten an das Spiel Skyrim. Zu unserem Glück treibt sich hier kein Drache herum. Das ist auch gut so, denn ich habe das Gefühl, dass mein Ausdauerbalken nach der vergangenen Woche besorgniserregend niedrig ist… Die Mädels entdecken dafür weitaus friedlichere Wesen als Drachen: eine kleine Rentierherde.

Nach etwa fünf Kilometern Fußmarsch erreichen wir den höchsten Punkt des Tages – ca. 1520 m ü.M. Das Wetter ist nach wie vor miserabel, weshalb niemand auch nur im Entferntesten an eine Pause denkt. Es gibt hier ohnehin kaum etwas zu sehen – abgesehen von kurzen Momenten der Aufklarung verdecken Wolken alle umliegenden Gipfel. Das einzig spannende Landschaftselement ist der intensiv türkisfarbene Gjende-See, der sich hin und wieder auf der rechten Seite zeigt.

Sieben Kilometer nach dem Aufbruch vom Lagerplatz erreichen wir die erste Weggabelung: links nach Memurubu, rechts nach Gjendebu. Wir biegen also links ab und beginnen den langsamen Abstieg. Die Landschaft um uns herum besteht aus moosbedeckten Felsen, etwas Schlamm und kleinen Bergseen. Bereits einen Kilometer nach der letzten Kreuzung stoßen wir auf die nächste Weggabelung. Diesmal hat ein eventueller Irrtum keine Konsequenzen mehr – beide Varianten führen zur Memurubu-Hütte. Wenn wir geradeaus weitergehen, erreichen wir die Hütte über einen sanft abfallenden Bergrücken. Biegen wir nach rechts ab, steigen wir über einen recht steilen Hang in das Memurudalen-Tal hinab und gelangen entlang des Flusses Muru zur Hütte.

Wir entscheiden uns für die zweite, einige hundert Meter längere Option. Warum genau? Ehrlich gesagt, keine Ahnung. In diesem Moment analysiert niemand von uns mehr die Details der Routenführung. Die Wolken haben endgültig ihre Schleusen geöffnet und überschütten uns mit einem unendlichen Strom aus eiskaltem Regen. Der Pfad verwandelt sich augenblicklich in einen kleinen Bach, überall bilden sich tiefe Pfützen. Jetzt schalte ich in den Überlebensmodus: Ich versuche, das herumspritzende Wasser in meinen Schuhen und die Kälte auszublenden. Ich gehe einfach stur weiter – diese Hütte kann schließlich nicht mehr so weit sein!

Gjende
Kuckuck, wer ist denn da? Der Gjende-See!
Gjende
Memurubu
Memurubu
Rentiere!

Der Abstieg ins Memurudalen-Tal ist unter diesen Bedingungen eine kleine Herausforderung: Man muss verdammt aufpassen, da man auf dem nassen Schlamm leicht ausrutschen kann. Auf einer Höhe von ca. 1180 m ü.M. wandern wir schließlich am Fluss Muru entlang. Es gießt ununterbrochen wie aus Eimern. Langsam fühle ich mich, als würde ich in meinem ganzen Leben nie wieder trocken werden. Das Einzige, worüber ich froh bin: Ich habe mich heute für leichte Trailrunningschuhe statt schwerer, knöchelhoher Wanderschuhe entschieden. Bei diesem Wetter wären beide Modelle komplett durchnässt – so ist es wenigstens an den Füßen etwas leichter.

Moment mal… Laufschuhe? Warum laufe ich eigentlich nicht einfach? Und tatsächlich: Da ich mich so sehr nach der warmen Hütte sehne, fange ich irgendwann an, gemütlich zu joggen. Mit einem über zehn Kilo schweren Rucksack ist das zwar kein Kinderspiel, aber – wie sich herausstellt – absolut machbar. So lege ich die letzten Kilometer bis zum warmen Kaffee in einem zügigen Tempo zurück. Unter diesen Umständen war es zwar schwer, die landschaftliche Schönheit des Memurudalen-Tals vollends zu genießen, aber objektiv betrachtet ist es ein wunderschöner und sehr grüner Ort.

Ich erreiche Memurubu kurz nach 16 Uhr, also nach etwa fünfeinhalb Stunden Wanderung. Bestimmt fünfzehn Minuten lang sitze ich wie ein begossener Pudel am Tisch und starre ins Leere. Erst nach einer Weile komme ich langsam zu mir und geselle mich träge zu den Mädels, die inzwischen eingetroffen sind. Wir bestellen Kaffee, köstliche Waffeln mit Toppings (eine norwegische Spezialität!) und kaufen eine ordentliche Portion Schokolade. Während wir so im Warmen sitzen und die Süßigkeiten verputzen, kehrt die gute Laune schnell zurück.

Memurudalen
Blick beim Abstieg ins Memurudalen-Tal. Ich glaube, man sieht selbst auf dem Foto, wie stark es geregnet hat.
Memurudalen
Der Weg entlang des Flusses Muru.
Memurudalen
Die Hütte!!!!

Bisher hatten wir ein eher bittersüßes Bild von den hiesigen Berghütten (hauptsächlich bedingt durch unser Abenteuer in Glitterheim), aber Memurubu überrascht uns äußerst positiv. Erstens stellt sich heraus, dass es in der Hütte einen Trockenraum für alle Gäste gibt, in dem wir unsere nassen Schuhe deponieren können. Zweitens können wir so lange an den Tischen sitzen, wie wir wollen, ohne weggeschickt zu werden. Und drittens: Beim Kaffeekauf gibt es unbegrenzten Nachschlag (Refill)! Habe ich deshalb an diesem Nachmittag vier Tassen getrunken? Vielleicht.

Nach etwa zwei Stunden Hütten-Utopie machen wir uns allmählich Gedanken über die heutige Unterkunft. Es hat zwar aufgehört zu regnen, aber es ist immer noch klatschnass. Also erkunden wir die Gegend auf der Suche nach einem Zeltplatz. Und da haben wir den Salat: Einen Kilometer östlich der Hütte geht es steil hinab zum Gjende-See. Einen Kilometer südlich liegt direkt der See. Einen Kilometer westlich befindet sich das sumpfige Tal, aus dem wir gekommen sind. Im Norden wartet ebenfalls ein steiler Hang.

Nach einer kurzen Diskussion entscheiden wir uns ausnahmsweise für den Zeltplatz der Hütte, der sich nahe der Mündung des Flusses Muru in den Gjende-See befindet. Der Preis für dieses Vergnügen liegt bei 190 Norwegischen Kronen [ca. 17 EUR] pro Person. Interessanterweise überprüfen die Hüttenbesitzer nicht, ob die Anzahl der bezahlten Plätze mit der tatsächlichen Anzahl der zeltenden Personen übereinstimmt. Nun ja, wir befinden uns in einem Land mit hohem gesellschaftlichen Vertrauen. Und da man uns vertraut, gehört es sich einfach, dieses Vertrauen nicht zu missbrauchen, oder?

Am Abend verziehen sich die Wolken und es wird sogar richtig angenehm. Das motiviert unsere Mädels dazu… ein Bad im eiskalten Wasser des Gjende-Sees zu nehmen. Ich bewundere sie dafür, lasse mich aber nicht überreden. Schon beim bloßen Anblick fröstelt es mich… Zum Glück bleibt Jaromir mit mir am Ufer. Wir müssen uns zwar ein paar Sprüche über unsere vermeintlich schwache Männlichkeit anhören, dafür frieren wir uns am Ende der Reise aber wenigstens nichts ab.

Datum der Wanderung: 26. Juli 2024

Tourdaten: 14,5 km, 515 Höhenmeter Unterschied

Mehr allgemeine Informationen über das Jotunheimen-Gebirge findest du unter diesem Link.

Gjende-See bei Memurubu
Der Gjende-See vom Ufer bei Memurubu
Memurubu Campingplatz
Blick auf den Zeltplatz bei Memurubu
Memurubu
Und Memurubu selbst am Abend

Karte der Wanderung

Der letzte Tag in Jotunheimen

Am nächsten Tag wandern wir nicht mehr weiter – es gibt schlichtweg keinen Weg. Wie sich herausstellt, ist der Pfad von Memurubu nach Gjendesheim entlang des Gjende-Sees gesperrt. Das ist aber kein Weltuntergang, da wir diese Strecke auch mit der Fähre zurücklegen können. Die Überfahrt kostet 240 Norwegische Kronen [ca. 21 EUR] pro Person. Die Tickets kauft man direkt beim Betreten der Fähre. Bezahlen kann man bar oder mit Karte.

Am Tag unserer Abreise dreht sich das Wetter in Jotunheimen noch einmal um 180 Grad: Wir haben strahlenden Sonnenschein und wolkenlosen Himmel. Von der Fähre aus bewundern wir den türkisfarbenen Gjende-See und die umliegenden Berge, die steil zum Wasser abfallen. Wie mächtig dieses Tal ist, zeigt die Tatsache, dass der Gjende-See an seiner tiefsten Stelle stolze 149 Meter tief ist! Das sind über 40 Meter tiefer als das tiefste Seebecken Polens.

Ich denke mir, dass diese traumhafte Bootsfahrt der beste Abschluss für unsere Norwegen-Eskapade ist. Manchmal war es hart: Das raue Wetter und die mühsamen, steinigen Aufstiege haben uns einiges abverlangt. Am Ende haben wir jedoch jedes Hindernis überwunden, und ich werde die Tour durch das Jotunheimen-Gebirge als einen der besten Urlaube meines Lebens in Erinnerung behalten. Ich habe unzählige wunderschöne Täler, Gipfel und Gletscher gesehen. Ich habe an traumhaften Orten geschlafen, und die schier unendliche Länge der norwegischen Sommertage war einfach magisch. Und schließlich habe ich etwas völlig Neues, Frisches kennengelernt. Und genau darum geht es doch beim Reisen, oder?

Ein herzliches Dankeschön an mein wundervolles Team: Martyna, Natalia, Iza, Marta, Ania, Dominik, Jaromir sowie an den Ideengeber und Hauptorganisator unserer Reise, Arek.

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Fähre bei Memurubu
Anlegestelle bei Memurubu
Fähre bei Memurubu
Als ich dieses Bild sah, dachte ich mir, dass hier die Hauptdarsteller am Ende des Films mit der Fähre wegfahren – und in meinem Kopf lief bereits der Abspann.
Jotunheimen
So verabschiedet uns Jotunheimen!
Autor des Blogs, begeistert von Bergwanderungen und dem geschriebenen Wort.
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