Der Schrankogel ist der zweithöchste Gipfel der Stubaier Alpen, einer Gebirgsgruppe der Zentralalpen im österreichischen Tirol. Er misst stolze 3.497 m ü. A., was ihn zu einem begehrten Ziel für höhenhungrige Bergsteiger macht. Der Schrankogel ist gletscherfrei und weist keine wesentlichen technischen Schwierigkeiten auf, sodass seine Besteigung ohne spezielle Alpinausrüstung möglich ist. Zudem führt ein markierter Wanderweg in zwei Varianten zum Gipfel, die sich auf einer Höhe von ca. 2.650 m ü. A. trennen (Gratvariante und Variante über das Hohe Egg). Aus all diesen Gründen gilt der Berg als recht zugänglicher Dreitausender, ideal für diejenigen, die ihre ersten Schritte in der alpinen Welt wagen. Man darf jedoch nicht vergessen, dass die Besteigung des Schrankogels die Überwindung von über 1.900 Höhenmetern erfordert, was ihn zu einem Unternehmen für Personen mit solider Kondition macht. Der Gipfel bietet fantastische Ausblicke auf Dutzende nahe gelegene Gletscher der Stubaier, Ötztaler und Zillertaler Alpen. In diesem Beitrag beschreibe ich die Besteigung des Gipfels von Gries im Sulztal über die Amberger Hütte. Wir sind über die Gratvariante (Schrankogel Ostgrat) aufgestiegen und über das Hohe Egg abgestiegen.
INHALTSVERZEICHNIS
- Zustieg zur Amberger Hütte
- Aufstieg zum Schrankogel über den Ostgrat
- Abstieg vom Schrankogel über das Hohe Egg
- Tourenkarte
- Literatur
Zustieg zur Amberger Hütte
Wir erreichen den Parkplatz in Gries im Sulztal (ca. 1.600 m ü. A.) um 9 Uhr morgens. Das Abstellen des Autos für den ganzen Tag kostet uns 4 Euro [Stand August 2025]. Zunächst führt der Weg über eine Asphaltstraße entlang des Fischbachs am Talboden des Sulztals. Nach ca. einem Kilometer Fußmarsch biegen wir links in einen Schotterweg ein. Für einige hundert Meter gehen wir nun durch einen dichten, grünen Wald.
Nach kurzer Zeit gelangen wir auf einen breiten Güterweg, der bis zur Amberger Hütte führt. Der Anstieg ist nicht übermäßig steil – der gesamte 6 Kilometer lange Abschnitt vom Parkplatz zur Hütte erfordert die Überwindung von 530 Höhenmetern. Auf der linken Seite begleitet uns ständig der Fischbach, der mancherorts malerische Wasserfälle bildet. Auf einer Höhe von ca. 1.900 m ü. A. weitet sich das Sulztal etwas, und uns zeigt sich zum ersten Mal das fantastische Panorama der monumentalen Schrankogel-Pyramide. Ich gebe zu, dass der Anblick einen riesigen Eindruck auf mich macht. Mir wird klar, dass wir heute einen wirklich hohen und majestätischen Berg bezwingen werden!




Auf einer Höhe von ca. 2.000 m ü. A. stoßen wir auf eine riesige Baustelle mit jeder Menge schwerem Gerät. Als wir näher herantreten, stellt sich heraus, dass hier ein gewaltiger Tunnel gebohrt wird. Aus der Informationstafel geht hervor, dass dies in Zukunft Teil des mächtigen Wasserkraftwerks Sellrain-Silz sein wird. Interessanterweise passierten wir gestern den größten Speichersee dieses Kraftwerks auf dem Weg zum Sulzkogel (3.016 m ü. A.).
Wir erreichen die Amberger Hütte (2.135 m ü. A.) eine Viertelstunde vor 11 Uhr, also knapp zwei Stunden nach dem Aufbruch vom Parkplatz in Gries. Die Hütte wird vom Alpenverein betrieben und wurde bereits 1888 erbaut. Von der Hütte aus bietet sich ein herrlicher Blick auf den obersten Teil des U-förmigen Sulztals, den ausgedehnten Sulztalferner und den darüber aufragenden Gipfel des Windacher Daunkogels (3.348 m ü. A.). Aus dem ewigen Eis entspringt der uns bereits bekannte Fischbach. Das alles sieht sehr idyllisch aus, wie aus einem Bilderbuch…
Übrigens waren die Stubaier Alpen (genauer gesagt das Stubaital) das Ziel meiner ersten Alpenreise. Wir sind vor vier Jahren mit Martyna dorthin gefahren, und diese Reise führte zur Besteigung unserer ersten Dreitausender. Die Stubaier Alpen gefielen mir so gut, dass sie bis heute in meinem Kopf als die schönste Gebirgsgruppe der Welt erscheinen. Aus diesem Grund löste die Aussicht auf eine Rückkehr in diese Berge sowohl Begeisterung als auch eine gewisse Sorge in mir aus. Denn… was, wenn die Stubaier Alpen nicht so schön sind, wie ich sie in Erinnerung habe? Was, wenn die in meinem Kopf geschaffene Überzeugung, das Paradies auf Erden gefunden zu haben, zusammenbricht? Dank des Ausblicks von der Amberger Hütte brach meine tiefe Überzeugung jedoch nicht zusammen. Im Gegenteil – sie wurde bestätigt.




Aufstieg zum Schrankogel over den Ostgrat
Von der Amberger Hütte nehmen wir den Weg Nr. 131, der links vom Fischbach verläuft (na gut, die Wahrheit ist, dass wir zuerst den Weg auf der rechten Seite des Flusses nehmen und erst nach einigen hundert Metern merken, dass wir einen Fehler gemacht haben und umkehren müssen). Die erste Etappe des Weges von der Hütte aus führt über eine Almweide. So ist es nicht verwunderlich, dass Dutzende von Kühen auf dem Pfad stehen (oder liegen) und unsere Aufgabe darin besteht, einen geschickten Slalom zwischen ihnen zu vollführen. Ich mag solche Akzente, da sie das Wandern in den Alpen noch stimmungsvoller machen.
Nach der Weide wird es ziemlich steil, was einen deutlich effizienteren Gewinn an Höhenmetern ermöglicht. Wir gehen nun auf einem schmalen Erdpfad, und die Aussicht auf das Sulztal wird mit jedem Schritt großartiger. Auf einer Höhe von ca. 2.400 m ü. A. biegt der Weg um 90 Grad nach links ab und führt in die Seitenmoräne des Schwarzenbergferners. Der Aufstieg ist die ganze Zeit über recht steil, aber vorerst gehen wir noch auf festem Boden, nicht auf Steinen. Wir queren nun den sehr weitläufigen Nordhang des Schrankogels. Auf der rechten Seite begleiten uns sympathische Ausblicke auf den Talboden und die das Tal im Süden abschließenden majestätischen, vergletscherten Dreitausender.




Auf einer Höhe von ca. 2.630 m ü. A. erreichen wir eine Weggabelung – geradeaus führt der Weg über den Schrankogel Ostgrat, nach links zweigt die Variante über das Hohe Egg ab. Wir wählen erstere und planen, über die zweite zurückzukehren. Wir steigen nun über einen markanten Rücken auf, der mich täuschend echt an… einen Deich erinnert. Mit zunehmender Höhe weicht das Gras den allgegenwärtigen Steinbrocken. Machen wir uns nichts vor – es ist ziemlich mühsam. Der Schrankogel ist ein Hochberg, für dessen Bezwingung eher Ausdauer und Geduld als Kletterkünste gefragt sind. Eine Stunde nach Verlassen der Weggabelung, auf ca. 3.000 m ü. A., erreichen wir ein weiteres Wegweiserschild. Es informiert uns über eine weitere Verzweigung – nach links beginnt der Schrankogel Ostgrat, geradeaus der Gletscherweg zur Franz-Senn-Hütte. Wir machen hier eine Pause und genießen den Blick auf die nahe Zunge des Schwarzenbergferners. Was soll man sagen – eine so riesige Masse an ewigem Eis muss einen unglaublichen Eindruck hinterlassen.





Den Aufstieg über den Ostgrat des Schrankogels beginnen wir gegen 13:45 Uhr. Praktisch auf der gesamten Länge hat der Weg den Charakter einer mühsamen, steinigen Plackerei: Auf einem Abschnitt von nur einem Kilometer sind stolze 500 Höhenmeter zu bewältigen. Obwohl man im Internet auf Informationen stoßen kann, dass die Variante mit I auf der UIAA-Skala bewertet wurde, entdecken wir hier keine technischen Schwierigkeiten. Das Gelände ist die meiste Zeit über reines Trekking, und die Hände müssen wir nur ab und zu benutzen. Auch die Orientierung bereitet dank der außergewöhnlich dichten rot-weißen Markierung des Weges keine größeren Probleme.
Zu Beginn kommen wir sehr zügig voran, aber auf einer Höhe von ca. 3.200 m ü. A. fange ich an, etwas langsamer zu werden. Ich spüre, dass sich die Höhe bemerkbar macht – jeder Schritt ist „schwerer“, als wäre er mit einer größeren energetischen Anstrengung erkauft. Ich bleibe jedoch nie lange stehen – der Gipfel ist bereits immer näher, schon in Sichtweite!







Schließlich erreichen wir den Schrankogel (3.497 m ü. A.) wenige Minuten nach 15 Uhr, also eine Stunde und 15 Minuten nach dem Einstieg in den Grat. Ich empfinde große Genugtuung. Ich bezwinge gerade einen weiteren hohen Berg und verbessere ganz nebenbei meinen persönlichen Höhenrekord um ganze 79 Meter :D. Yay!
Der Schrankogel empfängt uns mit einem überaus reichen Panorama auf Hunderte von Gipfeln und Dutzende von Gletschern der Stubaier, Ötztaler und Zillertaler Alpen. Unter den umliegenden Gipfeln erkenne ich das Zuckerhütl (3.507 m ü. A.), das Dach der Stubaier Alpen. Daneben befindet sich der Wilde Freiger (3.418 m ü. A.), mein bisher höchster Berg im Leben. Auf dem Gipfel des Schrankogels verbringen wir eine wunderschöne halbe Stunde, nehmen die Aussicht in uns auf und essen die mitgebrachten Snacks. Alpine Panoramen lösen andere Emotionen aus als jene in der Tatra – sie beeindrucken vor allem durch ihre Endlosigkeit, Kraft und Monumentalität.




Abstieg vom Schrankogel over das Hohe Egg
Den Gipfel verlassen wir gegen 15:45 Uhr. Für den Rückweg wählen wir die Variante über das Hohe Egg, die einen Abstieg vom Schrankogel über seine Nordwesthänge vorsieht. Ähnlich wie unser Aufstiegsweg führt auch dieser Pfad durch jede Menge zertrümmerten Fels und weist keine größeren technischen Schwierigkeiten auf. Zwar gibt es einzelne Passagen, in denen es gut ist, die Hände zu benutzen, aber der Abstieg hat generell rein wandertouristischen Charakter. Vorsicht ist geboten wegen der unter den Füßen wegrollenden Steinchen, zumal die Aussicht hier so schön ist, dass man sich leicht verguckt und für einen Moment die Konzentration verliert. Die Variante über das Hohe Egg sieht den Verlust von fast 900 Höhenmetern auf nur zwei Kilometern vor, weshalb der Abschnitt auf seiner gesamten Länge wirklich steil ist.
Nach einstündigem Abstieg durch die Steinwüste melden wir uns auf dem Hohen Egg (2.820 m ü. A.) an, das eigentlich eine seitliche Erhebung am Nordwesthang des Schrankogels ist. Aus dieser Perspektive bietet sich ein fantastischer Blick auf den Sulztalferner und das gesamte Sulztal. Im Ernst… ich habe das Gefühl, ich könnte mich hier hinsetzen und stundenlang einfach nur in die Ferne schauen… Unterhalb des Hohen Eggs weichen die Steine intensiv grünem Gras, und der Weg nimmt die Form eines festgetretenen Erdpfades an. Eine Viertelstunde nach 17 Uhr gehen wir an dem kleinen Schwarzenbergsee vorbei, stoßen auf den uns bereits bekannten Weg Nr. 131 und schließen den Kreis.






Die nächsten Minuten verbringen wir mit dem Abstieg in das bezaubernde Sulztal. In der Nachmittagssonne gewinnt es noch mehr an Charme als beim Aufstieg – die Lichtstrahlen betonen sanft seine Formen und Farben und lassen es noch schöner aussehen als zuvor. Übrigens begegnen wir erst in dieser Phase, gegen 17:30 Uhr, endlich jemandem. Glauben Sie es oder nicht, aber während des Aufstiegs zum Schrankogel, der halbstündigen Pause auf dem Gipfel und des Abstiegs über das Hohe Egg haben wir keine Menschenseele getroffen! Das nennt man, die Berge ganz für sich allein zu haben!
Die letzten Kilometer verbringen wir mit einem angenehmen Spaziergang in der späten Nachmittagssonne. Wir kommen etwas nach 19 Uhr am Auto in Gries im Sulztal an, was bedeutet, dass die gesamte Tour ca. zehn Stunden in Anspruch nimmt. Der Tag beschert mir jede Menge bergsteigerische Genugtuung, und ich fühle mich von den wunderbaren Ausblicken geradezu erfüllt. Und wie lange wird der Schrankogel mein höchster Gipfel bleiben? Nun… wir werden sehen!
Datum der Tour: 8. August 2025
Statistik der Tour: 21,5 km; 1.900 Höhenmeter
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Tourenkarte
Literatur
- Klier Walter, Stubaier Alpen. Alpenvereinsführer, Bergverlag Rother, München 2006.
