Der Piz Boè (3.152 m s.l.m.) ist ohne Zweifel ein außergewöhnlicher Gipfel. Aus der Ferne betrachtet, erinnert er weniger an einen Berg, sondern vielmehr an eine gewaltige Festung aus Stein, die nach allen Seiten durch eine mehrere hundert Meter hohe Verteidigungsmauer abgeschirmt ist. Der Gipfel liegt in den italienischen Dolomiten – einer Gebirgskette, die für ihre märchenhaften Panoramen, eine riesige Auswahl an Klettersteigen und ihre bizarren Felsformationen weltberühmt ist. Ich lade euch ein zu einem Bericht über die Besteigung eines der populärsten (wenn nicht des populärsten) Dreitausenders der Alpen.
Inhaltsverzeichnis
- Piz Boè – Praktische Informationen
- Der Aufstieg vom Pordoijoch zur Pordoischarte
- Abstecher zum Sass Pordoi (2.950 m s.l.m.)
- Von der Pordoischarte zum Gipfel des Piz Boè
- Der Gipfel des Piz Boè (3.152 m s.l.m.)
- Abstieg vom Piz Boè zum Pordoijoch
- Wanderkarte
Piz Boè – Praktische Informationen
- Der wichtigste Ausgangspunkt für Touren auf den Piz Boè ist das Pordoijoch (Passo Pordoi, 2.239 m s.l.m.), das etwa 13 Kilometer vom bekannten Wintersportort Canazei entfernt liegt. Auf der Passhöhe gibt es vier große Parkplätze – einer ist kostenlos, drei sind gebührenpflichtig.
- Der Piz Boè gilt weithin als der am leichtesten zu erreichende Dreitausender der Dolomiten. Da der Parkplatz bereits sehr hoch liegt, sind vom Pordoijoch aus nur knapp 900 Höhenmeter zu bewältigen. Obwohl die Route einen mühsamen Aufstieg durch Schuttfelder beinhaltet und am Ende teilweise mit Drahtseilen gesichert ist, sollte der Piz Boè für bergerfahrene Wanderer keine größeren Probleme darstellen. In diesem Beitrag beschreibe ich genau diese Variante.
- Wer es sich noch einfacher machen möchte, kann die Seilbahn nutzen, die das Pordoijoch mit dem Sass Pordoi (2.950 m s.l.m.) verbindet. In diesem Fall bleiben lediglich etwa 300 Höhenmeter bis zum Gipfel übrig.
- Eine alternative Route führt über den Klettersteig Cesare Piazzetta [D] zum Gipfel – dieser ist jedoch sowohl technisch als auch konditionell sehr fordernd. Laut dem Portal bergsteigen.com dauert der Zustieg etwa eine Stunde und die Begehung des Steigs ca. 2,5 Stunden. Alternativ kann man den Gipfel auch vom nahegelegenen Arabba aus erreichen, wobei diese Varianten deutlich mehr Höhenmeter aufweisen.
- Der Piz Boè war mein erster Gipfel in den Alpen, auf dem ich regelrechte Massen angetroffen habe. Es waren so viele Touristen unterwegs, dass es besonders an den felsigen Abschnitten zu Staus kam und man ständig überholen musste. Er wird oft als „Modeberg“ bezeichnet – eine Einschätzung, die ich nach meinen Erlebnissen voll und ganz unterschreibe. Fairerweise muss man sagen, dass wir an einem Samstag dort waren. Wenn es eure Urlaubsplanung zulässt, solltet ihr diesen Gipfel unbedingt unter der Woche anvisieren.
- Auch wenn der Piz Boè konditionell nicht extrem fordernd ist, bleibt er ein sehr hoher Berg. Daher können am Gipfel Symptome der Höhenkrankheit wie übermäßige Müdigkeit, Übelkeit oder Schwindel auftreten. Wenn ihr nicht sicher seid, wie euer Körper auf diese Höhe reagiert, beginnt euren Urlaub lieber mit niedrigeren Zielen zur Akklimatisation.
- Der Erstbesteiger des Piz Boè war Paul Grohmann im Jahr 1864. Interessanterweise war er derselbe Alpinist, dem auch die Erstbesteigung der Punta Penia im Marmolata-Massiv gelang.
Der Aufstieg vom Pordoijoch zur Pordoischarte
Es ist 9:00 Uhr morgens, als wir auf einem der Parkplätze am Pordoijoch (Passo Pordoi, 2.239 m s.l.m.) ankommen. Warum so spät? Ganz einfach: Der Piz Boè bildet den krönenden Abschluss unseres einwöchigen Aufenthalts in den Dolomiten. Bevor wir losfahren konnten, mussten wir Zelte abbauen, vom Campingplatz in Canazei auschecken und all unser Gepäck in die überfüllten Kofferräume quetschen. Der Plan ist, zügig den letzten Dreitausender der Reise zu besteigen und danach die lange Heimreise anzutreten.
Aus diesem Grund verwerfen wir den Gedanken, den Gipfel über den berühmten Cesare-Piazzetta-Klettersteig anzugehen. Auch die Müdigkeit der letzten Tage und die für den Nachmittag angekündigten starken Regenfälle spielen bei dieser Entscheidung eine Rolle. Letztendlich greift unsere neunköpfige Truppe den Piz Boè über den Normalweg an – den Wanderweg Nr. 627 ab Passo Pordoi. Auf geht’s!
Die erste Etappe führt vom Pordoijoch zur Pordoischarte (Rifugio Forcella Pordoi). Von Beginn an ist die Steigung ordentlich: Auf einer Strecke von zwei Kilometern müssen hier über 600 Höhenmeter überwunden werden.
Die ersten paar hundert Meter verlaufen auf einem Pfad durch grüne Almwiesen. Mit zunehmender Höhe ändert sich der Charakter des Weges drastisch. Er wird steiniger, und die Umgebung wirkt immer karger. Hinter unserem Rücken eröffnen sich fantastische Ausblicke auf die umliegenden Gipfel. Im Vordergrund der grüne Kamm mit dem Sasso Beccé (2.534 m) und dem Sass Ciapel (2.557 m), und dahinter das beeindruckende Marmolata-Massiv mit dem einzigen Gletscher der Dolomiten.




Je weiter wir kommen, desto gerölliger und unangenehmer wird der Pfad. Kleine Steine rutschen unter den Sohlen weg, was Konzentration erfordert. Auf etwa 2.600 m s.l.m. zweigt rechts der Weg 626 ab, der zum Einstieg des Klettersteigs führt. Wir aber steigen weiter steil bergauf. Wie eingangs erwähnt, erinnert der Piz Boè an eine Festung – und unser Aufstieg fühlt sich an wie der Weg durch einen Burggraben. Der Pfad windet sich in Serpentinen den steilen Hang hinauf, der von beiden Seiten durch gewaltige Felswände begrenzt wird.
So erreichen wir nach etwa einer Stunde die erste Hütte – das Rifugio Forcella Pordoi (2.848 m s.l.m.). Die Hütte ist urig und spektakulär gelegen: mit Blick nach Süden und auf die riesige Steinwüste im Inneren der Sella-Gruppe. In der Nähe gibt es ein einfaches Außen-WC, und daneben… spazieren seelenruhig Ziegen herum. Ein deutlicher Nachteil der Hütte ist jedoch die enorme Überfüllung, die es fast unmöglich macht, drinnen einen Platz zu finden oder länger auf der Scharte zu verweilen.





Abstecher zum Sass Pordoi (2.950 m s.l.m.)
An der Scharte entscheiden wir uns für einen kleinen Umweg zum nahegelegenen Sass Pordoi (2.950 m s.l.m.). Der Mehraufwand ist gering: nur 700 Meter Strecke und 75 Höhenmeter. Nach wenigen Minuten im felsigen Gelände haben wir es geschafft – und können den Piz Boè aus einer ganz anderen, spannenden Perspektive beobachten. Zudem bietet der Sass Pordoi einen herrlichen Blick nach Süden auf das Pordoijoch, die Serpentinenstraßen im Tal und den Marmolata-Gletscher. Aber noch mehr fasziniert mich die Nordseite: ein gewaltiger Felsrücken, der das Plateau begrenzt. Die Umgebung hier oben ist so karg und fast schon lebensfeindlich, dass man sie kaum als „schön“ im klassischen Sinne bezeichnen kann – aber sie ist zweifellos einzigartig.
Auf dem Sass Pordoi befinden sich das Rifugio Maria und die Bergstation der Seilbahn. Aufgrund der Bahn ist es hier oben entsprechend voll. Viele Seilbahngäste wandern von hier aus weiter zum Piz Boè – was mich ein wenig an beliebte Ausflugsberge wie das Jungfraujoch oder die Zugspitze erinnert.




Von der Pordoischarte zum Gipfel des Piz Boè
Vom Sass Pordoi kehren wir zur Scharte zurück und setzen den Weg Richtung Piz Boè fort. Wir folgen zunächst dem Wanderweg 627, wechseln aber nach 600 Metern auf die Nr. 638. Besonders beeindruckend ist der Blick zur Linken in das Herz der Sella-Gruppe.
Lange Zeit verläuft der Weg über ein breites, kaum ansteigendes Plateau. Erst anderthalb Kilometer nach der Hütte, auf etwa 2.950 m s.l.m., zieht die Steigung wieder an. Die letzten 200 Höhenmeter legen wir in steilerem, felsigem Gelände zurück. An einigen Stellen muss man kurz die Hände zu Hilfe nehmen, was aber keine großen Schwierigkeiten bereitet. Für weniger Geübte gibt es an den Schlüsselstellen Stahlseile und Trittstufen.
Ich will nicht lügen: Den Schlussanstieg habe ich eher mühsam in Erinnerung. Es sind einfach extrem viele Menschen unterwegs. Es bilden sich Schlangen, und man muss ständig entweder warten oder überholen. Wie auf allen Modewegen trifft man auch hier auf Leute, die sichtlich überfordert sind. Mein persönlicher „Held“ war ein sichtlich erschöpfter Mann, der mit einem völlig verängstigten kleinen Hund im Arm ungeschickt über das lose Geröll rutschte. Vor lauter Trubel konnte ich den Aufstieg kaum genießen und wollte eigentlich nur noch oben ankommen.
Und ja, ich weiß, was ihr denkt – wer am Wochenende im August auf so einen Berg geht, darf sich nicht über Schlangen wundern. Aber meine bisherigen Erfahrungen in den Alpen hatten mich nicht darauf vorbereitet, dass es *so* extrem sein kann. Auf der Tofana di Rozes war es ruhig, an der Punta Penia fast einsam, und selbst am Großglockner oder am Dachstein habe ich es schon leerer erlebt. Aber nun gut, man kann nicht immer allein am Berg sein!




Der Gipfel des Piz Boè (3.152 m s.l.m.)
Den Gipfel des Piz Boè (3.152 m s.l.m.) erreichen wir um 12:00 Uhr, also knapp 3 Stunden nach dem Start am Parkplatz. Es wird niemanden wundern, wenn ich schreibe: Auch wenn der Gipfel weitläufig ist, knubbeln sich hier die Leute. Direkt auf dem höchsten Punkt steht das Rifugio Capanna Piz Fassa, wo wir uns – ganz nach italienischer Tradition – einen schnellen Espresso gönnen.
Das Panorama ist fantastisch: Hunderte Gipfel und weite grüne Täler liegen uns zu Füßen. Stellenweise blickt man direkt über die Kanten der „Felsfestung“ senkrecht in die Tiefe. Um den Gipfel kreisen Alpendohlen mit ihren gelben Schnäbeln, immer auf der Suche nach ein paar Brotkrümeln der Wanderer.




Abstieg vom Piz Boè zum Pordoijoch
Ein Teil von uns, mich eingeschlossen, wählt eine alternative Abstiegsvariante (Wege 672, 638). Erstens will ich dem größten Trubel entgehen, und zweitens ist es immer schöner, einen Rundweg zu machen. Vom Gipfel halten wir uns nördlich zur Scharte Forcella dai Ciamorcès (3.110 m s.l.m.). Würde man geradeaus weitergehen, käme man zum nächsten Dreitausender, der Cresta Strenta (3.125 m). Wir biegen jedoch links ab und steigen über einen steilen, aber angenehmen Pfad ab. Kurz darauf treffen wir auf weitere Sicherungen – etwas Drahtseil und sogar… eine Metalltreppe. Der Piz Boè ist eben ein Dreitausender für jedermann.


Der Abstieg führt uns zurück zum Weg 627. Wir biegen links ab und wandern anderthalb Kilometer durch flaches, graues Gelände. Bei der Kreuzung nahe der Pordoischarte treffen wir wieder auf unseren Aufstiegsweg. Der Rückweg durch die Rinne erfordert noch einmal Konzentration. Ein kleiner Tipp für den Abstieg in solchem Gelände: Tretet im lockeren Schutt eher mit den Zehenspitzen (bzw. dem Vorfuß) auf als mit der ganzen Sohle. Das erhöht die Stabilität und verhindert, dass man nach hinten wegkippt und auf der Ferse ausrutscht.



Ganz am Ende der Wanderung bewahrheitet sich die Wettervorhersage. Kurz bevor wir das Auto erreichen, brechen die Wolken über uns zusammen und es schüttet eiskalt. Innerhalb von Minuten wird der Pfad zum Bachlauf. Wir kommen klitschnass am Pordoijoch an – aber die Stimmung ist trotzdem bestens.
Der Piz Boè hinterlässt bei mir gemischte Gefühle. Ich empfehle die Besteigung definitiv, aber ich sage auch ehrlich: Von Weitem beeindruckt der Berg fast mehr als aus der Nähe. Wer einsame, grüne Almwiesen sucht, wird in der kargen Steinwelt des Piz Boè vielleicht etwas vermissen.
Datum der Tour: 16. August 2025
Statistik: 11 km, 960 Höhenmeter
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